Soziale Ungleichheiten im Bildungsverlauf
Familiäre Herkunft prägt die Bildungslaufbahn wesentlich
Bildung und soziale Ungleichheiten
Beim Bildungserwerb zeigen sich ausgeprägte soziale Ungleichheiten (vgl. Soziale Ungleichheiten – eine Einführung). Diese Unterschiede können sich im Verlauf des Lebens kumulieren. So geben die erreichten Bildungsabschlüsse oft vor, welche weiteren Ausbildungen absolviert werden können. Ungleichheiten beim Bildungserwerb ziehen zudem häufig soziale Ungleichheiten in anderen Lebensbereichen nach sich. Abhängigkeiten zeigen sich beispielsweise in Bezug auf Gesundheitszustand, gesellschaftliche Partizipation oder in der Lebenszufriedenheit (vgl. Bildungsbericht – Kap. Bildungsnutzen).
Bildung bezieht sich auf Wissensbestände, Kompetenzen und Zertifikate, die in Lernprozessen erworben werden. Diese finden sowohl im Rahmen des formalen Bildungssystems als auch in Form von Weiterbildungen oder informellem Lernen statt. Bildung hängt von persönlichen Voraussetzungen und Ressourcen ab und wird vom gesellschaftlichen Umfeld beeinflusst.
Ungleichheiten nach Geschlecht und sozialer Herkunft
Studien weisen darauf hin, dass vor allem nach Geschlecht und sozialer Herkunft deutliche soziale Ungleichheiten im Bildungsbereich vorhanden sind (z.B. Kriesi/Leemann 2020: 17). Das hat unter anderem damit zu tun, dass der Bildungserwerb – unabhängig von den persönlichen Voraussetzungen wie kognitiven Fähigkeiten, Sprach- und Vorkenntnissen – meist mit Kosten verbunden ist, zum Beispiel mit dem Einsatz von Zeit und Geld. Das Bildungssystem ist ein selektives System, welches soziale Ungleichheiten produziert respektive bestehende soziale Ungleichheiten nicht ausreichend kompensieren kann (z.B. Erzinger 2023, Becker/Schoch 2018).
Kann im Kanton Luzern das persönliche Bildungspotenzial unabhängig von Geschlecht und sozialer Herkunft ausgeschöpft werden? Die nachfolgenden Analysen sollen Antworten auf diese Frage liefern. Betrachtet werden Ungleichheiten nach Geschlecht, Sprache, Herkunft und Bildungshintergrund in Bezug auf verschiedene Bildungsetappen (vgl. Grafik unten).
Übertritt auf Sekundarstufe I: Frühe Weichenstellung
Zuerst werden die Ungleichheiten beim Übertritt von der Primarstufe auf die Sekundarstufe I betrachtet (vgl. Bildungsbericht – Kap. Bildungssystem). Der Übertritt auf die Sekundarstufe I stellt einen wichtigen Übergang im Bildungsverlauf dar, weil er oft als Weichenstellung fungiert, welche die Richtung der weiteren Ausbildungen vorspurt (vgl. Hupka-Brunner/Meyer 2021: 715). In den Jahren 2014 bis 2023 haben im Kanton Luzern zwischen 76 und 80 Prozent der Lernenden von der 6. Klasse der Primarschule in die Sekundarschule und zwischen 16 und 20 Prozent ins Langzeitgymnasium gewechselt (vgl. Bildungsindikator Übertritt auf Sekundarstufe I).
Erstabschluss auf Sekundarstufe II: Voraussetzung für nachhaltige Integration in Wirtschaft und Gesellschaft
Als zweites stehen die Abschlüsse auf Sekundarstufe II im Fokus. Ein Abschluss auf Sekundarstufe II gilt als wichtige Voraussetzung für eine erfolgreiche und nachhaltige Integration in die Wirtschaft und Gesellschaft. Erwerben junge Erwachsene keinen nachobligatorischen Abschluss, sind ihre beruflichen Chancen geringer und der Zugang zu vielen weiterführenden Ausbildungen bleibt ihnen verwehrt. 92 Prozent der Luzernerinnen und Luzerner, die in den Jahren 2012 bis 2014 die obligatorische Schule beendet hatten, schlossen bis spätestens zehn Jahre nach Schulaustritt eine Erstausbildung auf Sekundarstufe II ab. Dabei haben 19 Prozent eine gymnasiale Maturität abgeschlossen, 2 Prozent eine Fachmittelschule. Weitere 63 Prozent erzielten einen EFZ-Abschluss und 8 Prozent ein Berufsattest (EBA). 8 Prozent haben keinen Abschluss auf der Sekundarstufe II erreicht.
Bildungsstand: Wichtiger Faktor für persönliche Entfaltungsmöglichkeiten
Drittens wird der Bildungsstand der Luzerner Bevölkerung betrachtet. Unter dem Bildungsstand wird die höchste abgeschlossene Ausbildung, die eine Person erreicht hat, verstanden. Der Bildungsstand ist ein wichtiger Faktor für persönliche Entfaltungsmöglichkeiten. Im zeitlichen Vergleich schreitet die Bildungsexpansion voran (vgl. Bildungsbericht 2024 – Kap. Bildungsnutzen). Das heisst, dass ein immer grösserer Teil der Bevölkerung einen höheren Bildungsabschluss erlangt. Der Anteil der Luzerner Bevölkerung mit einem Bildungsabschluss auf Tertiärstufe hat von 2010 bis 2023 zugenommen. Gleichzeitig ging der Anteil der Bevölkerung mit einem Abschluss auf Sekundarstufe II und derjenige ohne nachobligatorische Ausbildung Prozent zurück. Besonders deutlich zeigte sich die Bildungsexpansion bei den Frauen (vgl. Bildungsindikator Bildungsstand).
Weiterbildung: Lebenslanges Lernen gewinnt an Bedeutung
Viertens geht es um soziale Ungleichheiten im Weiterbildungsbereich. Die Teilnahme an der Weiterbildung zeigt, wer im Sinn des lebenslangen Lernens seine Kenntnisse auch über die Zeit der formalen Ausbildung hinaus weiterpflegt und/oder ausbaut. Dabei kann davon ausgegangen werden, dass lebenslanges Lernen vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandels (z.B. fortschreitende Digitalisierung) an Bedeutung gewinnt. Die Hälfte (50%) der im Kanton Luzern wohnhaften erwerbstätigen Personen im Alter von 25 bis 64 Jahren hatte im Jahr 2021 in den letzten 12 Monaten vor der Befragung mindestens eine berufliche Weiterbildung absolviert.
Der Bildungsstand spielt eine bedeutende Rolle, ob eine berufliche Weiterbildung besucht wird (vgl. Bildungsbericht 2024). Es zeigen sich auch für den Kanton Luzern deutliche Unterschiede in Abhängigkeit der absolvierten höchsten Ausbildung. Luzerner Erwerbstätige mit einem Tertiärabschluss nahmen deutlich häufiger an einer beruflichen Weiterbildung teil als solche mit einem Abschluss auf Sekundarstufe II oder ohne eine nachobligatorische Ausbildung.
Unter Weiterbildung wird die Weiterführung oder Wiederaufnahme des organisierten Lernens nach Abschluss einer ersten Bildungsphase verstanden. Zu den Weiterbildungen gehören kurze Veranstaltungen wie Workshops, Seminare oder innerbetriebliche Schulungen ebenso wie umfangreichere Programme. Zu Letzteren zählen beispielsweise die Vorbereitungskurse auf Berufs- und höhere Fachprüfungen, aber auch Weiterbildungen an Hochschulen sowie Nachdiplomstudien und -kurse im Rahmen der höheren Berufsbildung.
Ungleichheiten in Luzerner Bildungsverläufen
Bei der Untersuchung von sozialen Ungleichheiten im Bildungsbereich gelten unter anderem der Migrationshintergrund, die Erstsprache, der sozioökonomische Hintergrund sowie der Bildungsstand der Eltern als wichtige soziale Merkmale, die den persönlichen/individuellen Bildungsweg massgebend beeinflussen (Felouzis 2020: 109f; SKBF 2023: 85f).
Nachfolgend wird analysiert, welche sozialen Ungleichheiten sich beim Bildungserwerb im Kanton Luzern nach Geschlecht, Geburtsort und Sprache sowie nach familiärer Herkunft der Lernenden zeigen. Können die Luzerner Lernenden unabhängig von Geschlecht oder sozialem Hintergrund ihrem Bildungsweg folgen und ihr Bildungspotenzial entfalten oder nicht?
Ungleichheiten nach Geschlecht
Frauen konnten während langer Zeit weniger an der Bildung partizipieren als die Männer. Frauen absolvierten seltener eine nachobligatorische Ausbildung und schlossen auch weniger häufig eine Tertiärausbildung ab. Heute haben die Frauen jedoch bezüglich der Ausbildungen aufgeholt resp. die Männer – was die Bildungsabschlüsse angeht – zum Teil überholt (vgl. z.B. Eidg. Kommission für Frauenfragen EKF, Felouzis 2020: 108). Das zeigt sich auch im Kanton Luzern (vgl. Bildungsbericht 2024).
Es bestehen aber nach wie vor Unterschiede bei den Bildungsverläufen von Frauen und Männern. So bevorzugen junge Frauen zum Beispiel andere Bildungsgänge als junge Männer. Frauen sind in allgemeinbildenden Ausbildungen (z.B. Gymnasium) und in sozialen Berufen übervertreten. Die Männer absolvieren hingegen häufiger eine berufliche Grundbildung und wählen öfter technisch-orientierte Ausbildungen. Solche geschlechterspezifischen Präferenzen wirken sich auf die spätere Berufslaufbahn sowie auf das erzielte Erwerbseinkommen aus.
Mädchen treten häufiger als Knaben in das Langzeitgymnasium ein
Beim Übertritt ins Langzeitgymnasium zeigt sich im Kanton Luzern ein deutlicher Geschlechterunterschied. Mädchen traten während des gesamten betrachteten Zeitraums häufiger ins Langzeitgymnasium ein als Knaben. In den Jahren 2010 bis 2023 wechselten 19 bis 23 Prozent der Mädchen und 15 bis 18 Prozent der Knaben am Ende der Primarschule ins Langzeitgymnasium. Im Durchschnitt lag die Übertrittsquote der Mädchen ins Langzeitgymnasium knapp 4 Prozentpunkte über derjenigen der Knaben.
Erstabschlussquote bei Frauen und Männern beinahe gleich hoch
Junge Frauen und junge Männer schliessen im Kanton Luzern ähnlich oft eine erste Ausbildung ab. 92 Prozent der Luzernerinnen respektive 91 Prozent der Luzerner, die in den Jahren 2012 bis 2014 die obligatorische Schule beendet hatten, schlossen bis spätestens zehn Jahre nach Schulaustritt eine Erstausbildung auf Sekundarstufe II ab. Die Abschlüsse stehen aber am Ende von unterschiedlichen Bildungsgängen. Das zeigt sich bei der Art der erlangten Abschlüsse.
Frauen erlangen häufiger den Abschluss eines Gymnasiums als Männer
Auf der Sekundarstufe II bestehen geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Wahl der Ausbildungsrichtung und der Lehrberufe. Frauen besuchen häufiger allgemeinbildende Ausbildungen als Männer. Frauen und Männer bevorzugen in ihrer Berufswahl auch unterschiedliche Berufsfelder (vgl. Bildungsbericht 2024 – Kap. Lernende der Sekundarstufe II). Diese Präferenzen spiegeln sich entsprechend bei den erreichten Abschlüssen.
So schlossen die Frauen der hier betrachteten Luzerner Geburtsjahrgänge häufiger ein Gymnasium ab (23%) als die Männer (16%). Zudem waren sie in den 3-jährigen Berufslehren häufiger vertreten (F: 52% vs. M: 40%). Die Männer erlangten deutlich häufiger eine 4-jährige Berufslehre als die Frauen (M: 27% vs. F: 5%). Diese Unterschiede haben mit den präferiert gewählten Berufsfeldern der Frauen und Männer zu tun: Frauen erlernen bevorzugt Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen, wo die Ausbildung meistens drei Jahre dauert. Männer bevorzugen technische Bereiche, in welchen die Ausbildungsgänge häufiger vier Jahre in Anspruch nehmen (vgl. Bildungsbericht 2024).
Keinen Geschlechterunterschied gab es bei den EBA-Abschlüssen. Sie wurden von den Frauen und den Männern gleich oft erlangt.
Deutlicher Unterschied des Bildungsstands zwischen Männer und Frauen bei den 45- bis 64-Jährigen
Die Bildungsexpansion startete bei Männern und Frauen auf unterschiedlichen Niveaus und schritt nicht gleich schnell voran. Bei den Frauen ging der Anteil der Personen ohne Abschluss stärker zurück als bei den Männern, der Anteil der Personen mit Tertiärbildung nahm hingegen deutlicher zu.
So lag in den Jahren 2021 bis 2023 (gepoolte Daten) in der Altersgruppe der 45- bis 64-Jährigen der Anteil der Frauen mit keinem nachobligatorischen Bildungsabschluss 5 Prozentpunkte (Ppt) über demjenigen der Männer. Umgekehrt hatten mehr Männer einen Abschluss auf Tertiärstufe abgeschlossen als Frauen (Differenz: +15 Ppt). In der jüngeren Altersgruppe besteht dieser Unterschied nicht mehr. Bei den 25- bis 44-Jährigen verfügten beinahe gleich viele Frauen wie Männer über einen Abschluss auf Tertiärstufe. Und auch der Anteil der Personen ohne nachobligatorischen Bildungsabschluss unterschied sich zwischen den beiden Geschlechtern kaum.
Jüngere Frauen häufiger mit Tertiär-A-Abschluss, jüngere Männer häufiger mit Tertiär B-Abschluss
Bei der Art des Tertiärabschlusses zeigen sich Geschlechtsunterschiede: Die 25- bis 44-jährigen Luzerner Frauen haben häufiger einen Tertiär-A-Abschluss (Hochschulen) erreicht als die gleichaltrigen Luzerner Männer (30% vs. 26%). Bei der älteren Altersgruppe war dies umgekehrt (F: 13% vs. M: 19%). In beiden Altersgruppen verfügen Männer häufiger über einen Tertiär-B-Abschluss als Frauen. Unterschiedliche Ausbildungspräferenzen von Männern und Frauen bereits auf der Sekundarstufe II (Frauen häufiger Allgemeinbildung, Männer Berufsbildung) wirken sich auf den weiteren Bildungsweg aus: Frauen machen weniger oft einen Tertiär-B-Abschluss, weil ihr Anteil in der beruflichen Grundbildung kleiner ist (vgl. SKBF 2023: 332f).
45- bis 64-jährige Frauen profitieren tendenziell weniger von Arbeitgeber-Unterstützung bei der Weiterbildung
Der Besuch von beruflichen Weiterbildungsveranstaltungen unterschiedet sich im Kanton Luzern nach Alter und Geschlecht geringfügig.
Tendenziell am häufigsten besuchten 45- bis 64-jährige Männer berufliche Weiterbildungsveranstaltungen, während die gleichaltrigen Frauen am seltensten an solchen teilnahmen (Differenz: +5 Prozentpunkte). Die Werte liegen jedoch innerhalb des statistischen Unschärfebereichs. Es lässt sich deshalb keine eindeutige Aussage zur Differenz machen. In der jüngeren Altersgruppe ist diesbezüglich kein Unterschied zwischen den Geschlechtern erkennbar. Wird nach der Unterstützung durch den Arbeitgeber unterschieden, erhalten 45- bis 64-jährige Männer in der Tendenz am häufigsten eine Unterstützung, die gleichaltrigen Frauen am seltensten (+9 Ppt). Es lässt sich auch hier keine eindeutige Aussage zur Differenz machen. Die jüngeren Männer sowie die Frauen absolvierten jedoch häufiger mindestens einen Weiterbildungskurs, der nicht vom Arbeitgeber mit Zeit oder Kostenübernahme begünstigt wurde als die älteren Männer.
Damit bestätigt sich für den Kanton Luzern ansatzweise, was für die Gesamtschweiz festgestellt wurde: Die Teilnahme an Weiterbildungen unterscheidet sich nach Herkunft, Bildungsstand, sozialer Schicht und Geschlecht. Da für die Weiterbildungsteilnahme das Bildungsniveau wie auch die Position im Erwerbsleben entscheidend sind, verstärkt Weiterbildung die sozialen Ungleichheiten. Zudem spielen in der Weiterbildung arbeitsmarkttypische Effekte mit: Männer profitieren bei Weiterbildungen häufiger und zu grösseren Anteilen von Unterstützung durch Arbeitgeber als die Frauen; Letztere tragen die Kosten häufiger selber (Kraus 2020: 560).
Ungleichheiten nach Geburtsort und Erstsprache
Die Luzerner Bevölkerung ist in den letzten Jahren vielfältiger geworden (vgl. Dossier Demografie). 2024 lebten Menschen aus knapp 170 Nationen im Kanton und auch der Anteil der Lernenden, deren Erstsprache nicht Deutsch ist, hat deutlich zugenommen (vgl. Webartikel Migration im Kanton Luzern sowie Bildungsbericht 2024 – obligatorische Schulen). Allgemein nahm das Bildungsniveau der ausländischen Bevölkerung zu (vgl. Bildungsbericht 2024 – Rahmenbedingungen). In der ausländischen Bevölkerung sind jedoch sowohl die Personen ohne nachobligatorische Ausbildung als auch die Personen mit Tertiärausbildung übervertreten. Während in früheren Einwanderungsphasen häufig Personen mit niedrigen Bildungsqualifikationen zuzogen, sind es heute vermehrt Personen mit hohen Qualifikationen (Fibbi 2020: 324).
Herkunft kann Ausbildungs- und Berufswahl beeinflussen
Während Sprachkenntnisse allgemein als wichtige Voraussetzung gelten, um in der Bildungslaufbahn zu reüssieren, kann auch der Geburtsort respektive die regionale Herkunft der Lernenden mit Präferenzen bei der Ausbildungswahl verbunden sein. Die Herkunft kann die Ausbildungs- und Berufswahl zum Beispiel insofern beeinflussen, weil gewisse Ausbildungsarten in anderen Ländern nicht bekannt sind oder einen anderen gesellschaftlichen Status als in der Schweiz haben. So zeigt die ausländische Bevölkerung z.B. Präferenzen für allgemeinbildende respektive akademische Bildungswege. Weiter dürfte die Personenfreizügigkeit in der EU und mit ihr die Zuwanderung von vermehrt hochqualifizierten Eltern in die Schweiz dazu beigetragen haben, dass deren Kinder bessere Chancen haben, den Übertritt in das Gymnasium zu realisieren (SKBF 2023: 160f).
Übertrittsquote ins Gymnasium bei im Ausland geborenen deutschsprechende Lernenden am höchsten
Beim Übertritt ins Langzeitgymnasium zeigt sich ein deutlicher Unterschied nach Sprache. Deutschsprechende Lernende traten im gesamten Beobachtungszeitraum deutlicher öfter ins Langzeitgymnasium über als fremdsprachige Lernende (Durchschnitt 2014–2023: 21% vs. 10%), im Ausland geborene Deutschsprachige meist noch etwas häufiger als in der Schweiz geborene Deutschsprachige (Durchschnitt 2014–2023: 25% vs. 21%).
Der Anteil fremdsprachiger Lernender an den Gymnasien (Sek I) ist im Vergleich zum Anteil fremdsprachiger Lernender an den Sekundarschulen klar tiefer. Diese Differenz ist in den letzten Jahren nicht kleiner geworden, der Anteil der Fremdsprachigen ist aber sowohl im Gymnasium als auch an den Sekundarschulen angestiegen (vgl. Bildungsindikator ungleiche Chancen aufgrund von Fremdsprachigkeit). Neben dem Migrationshintergrund spielt auch das Bildungsniveau der Eltern eine Rolle. So sind sowohl Kinder mit schweizerischer als auch ausländischer Nationalität von Akademikereltern im Gymnasium übervertreten (Eberle 2025: 91). Verschiedene Studien zeigen aber auch, dass Lernende mit Migrationshintergrund und Eltern mit einem tiefen Bildungsniveau in der Bildungslaufbahn schlechter abschneiden (Fibbi 2020: 325f).
Im Ausland geborene Lernende erreichen weniger oft einen Erstabschluss auf Sekundarstufe II
In Bezug auf die Art des Erstabschlusses zeigen sich deutliche Unterschiede nach Sprache. Deutschsprechende haben häufiger eine gymnasiale Maturität als Fremdsprachige (Differenz: 14 Prozentpunkte). Unter den deutschsprechenden Personen haben die im Ausland Geborenen häufiger einen solchen Abschluss als die in der Schweiz geborenen (Differenz: +7 Ppt).
Bei den EBA-Abschlüssen waren die Deutschsprechenden hingegen deutlich weniger vertreten als die Fremdsprachigen (Differenz: −14 Prozentpunkte). Die EFZ-Abschlüsse hingegen waren stärker vom Geburtsland und weniger von der Sprache geprägt. In der Schweiz geborene Lernende haben häufiger einen EFZ-Abschluss erlangt als Lernende, die im Ausland geboren sind (−12 Ppt). Auch der Anteil an Personen ohne Erstabschluss unterscheidet sich hauptsächlich nach Geburtsland. Hier waren im Ausland geborene Personen stärker vertreten als in der Schweiz Geborene (+18 Ppt).
Tertiär-B-Abschluss bei in der Schweiz geborenen Personen häufiger
In Bezug auf den Bildungsstand der 25- bis 64-jährigen Luzerner und Luzernerinnen zeigen sich Unterschiede nach Herkunftsland (gepoolte Daten 2021–2023): In der Schweiz Geborene verfügen häufiger über mindestens einen nachobligatorischen Schulabschluss als im Ausland Geborene (Differenz: +22 Prozentpunkte), insbesondere deutlich häufiger als die Fremdsprachigen (+34 Ppt). Des Weiteren lässt sich erkennen, dass in der Schweiz Geborene häufiger über einen Tertiär-B-Abschluss verfügen als im Ausland Geborene. Bei den Tertiär-A-Abschlüssen ist die Situation ausgeglichener.
Personen mit Migrationshintergrund bilden jedoch, was die Ausbildung anbelangt, keine homogene Gruppe. Als Folge der Zuwanderung stieg der Anteil der hochqualifizierten Ausländerinnen und Ausländern in den letzten Jahren deutlich an, während Personen der früheren Migrationswellen häufiger ohne nachobligatorische Ausbildung waren (vgl. Bildungsbericht 2024 – Kap. Rahmenbedingungen; SKBF 2023: 154).
Im Ausland geborene Erwerbstätige bilden sich seltener weiter
Im Kanton Luzern wohnhafte Erwerbstätige mit Geburtsort Schweiz haben in den 12 Monaten vor der Befragung im 2021 häufiger eine berufliche Weiterbildung besucht als denjenigen mit Geburtsort ausserhalb der Schweiz (Differenz: +19 Prozentpunkte). Zudem nahmen im Kanton Luzern wohnhafte erwerbstätige Personen mit Geburtsort Schweiz häufiger an mindestens einer Weiterbildungsveranstaltung teil, die durch den Arbeitgeber unterstützt wurde, als Personen mit Geburtsort im Ausland (+20 Ppt).
Der Bildungsstand sowie der Arbeitsmarktstatus sind wichtige Treiber, um Weiterbildungen zu absolvieren. Das dürfte auch bei der ausländischen Bevölkerung im Kanton Luzern der Fall sein, bei der ein vergleichsweise grosser Teil über keinen nachobligatorischen Abschluss verfügt.
Ungleichheiten nach familiärer Herkunft
Die Bildungslaufbahn und die schulische Leistung der Lernenden wird unter anderem auch durch das Bildungsniveau der Eltern beeinflusst. Grundsätzlich zeigt sich, dass ein höheres Bildungsniveau der Eltern bessere Erfolgschancen für die Kinder mit sich bringt (BFS 2025). Umgekehrt bleiben die Kinder von Eltern ohne nachobligatorischen Bildungsabschluss ebenfalls häufiger ohne Abschluss.
Solche Zusammenhänge zeigen sich auch im Kanton Luzern. So haben im Kanton Luzern die Eltern von Personen mit Tertiärabschluss ebenfalls häufiger einen Tertiärabschluss als die Eltern von Personen, die über keinen Tertiärabschluss verfügen (vgl. Bildungsindikator Bildungsmobilität zwischen den Generationen). Schweizweit erreichen die jüngeren Generationen heute jedoch öfter unabhängig vom Bildungsstand der Eltern einen Tertiärabschluss als dies in älteren Generationen der Fall war (vgl. BFS Bildungsindikator Intergenerationelle Bildungsmobilität).
Kinder von Eltern mit Tertiärabschluss treten häufiger in das Langzeitgymnasium ein
Wie im Schweizer Bildungsbericht ausgeführt wird, besteht ein Zusammenhang zwischen der sozialen Herkunft von Lernenden und der Wahrscheinlichkeit des Besuchs eines Langzeitgymnasiums. Kinder mit vergleichbaren schulischen Leistungen können je nach sozialem Hintergrund doppelt so grosse Chancen haben, ins Langzeitgymnasium überzutreten (SKBF 2023: 81). Dieser Zusammenhang zeigt sich auch im Kanton Luzern. Lernende mit mindestens einem Elternteil mit Tertiärausbildung treten häufiger in ein Langzeitgymnasium ein als Lernende mit Eltern, deren höchste abgeschlossene Ausbildung einen Abschluss auf Sekundarstufe II ist.
Die Übertrittsquote ins Gymnasium war im Beobachtungszeitraum bei Luzerner Lernenden mit mindestens einem Elternteil mit Tertiärabschluss mehr als 3-mal so hoch wie bei Lernenden mit Eltern mit Sekundarstufenabschluss.
Kinder von Eltern mit Abschluss auf Tertiärstufe schliessen öfters das Gymnasium ab
Der Bildungsabschluss der Eltern hat einen Einfluss auf die Bildungskarriere der Kinder: Verfügen die Eltern über einen Tertiärabschluss, schliessen auch die Kinder häufiger eine allgemeinbildende Schule ab. So erlangten Lernende von Eltern mit Tertiärabschluss beinahe 3-mal so häufig eine gymnasiale Maturität wie Lernende, deren Eltern die Sekundarstufe II abgeschlossen haben.
Lernende mit Eltern ohne nachobligatorischen Bildungsabschluss bleiben häufig ebenfalls ohne Abschluss auf Sekundarstufe II
Bei den jungen Erwachsenen mit Eltern ohne abgeschlossene nachobligatorische Ausbildung war der Anteil ohne Abschluss rund doppelt so hoch wie bei den Personen mit Eltern, die über eine nachobligatorische Ausbildung verfügen. Die Analyse zeigt zudem, dass die Lernenden mit Eltern ohne nachobligatorischer Ausbildung um ein Vielfaches häufiger eine EBA-Ausbildung absolviert hatten als solche mit Eltern, die einen Bildungsabschluss auf Sekundarstufe II oder Tertiärstufe haben (Differenz: +21 resp. +26 Prozentpunkte).
Personen mit Eltern mit Tertiärabschluss schliessen häufiger auch einen solchen ab
Wie zu erwarten, beeinflusst der Bildungsstand der Eltern nicht nur die Erstabschlussquote 10 Jahre nach Verlassen der obligatorischen Schulzeit, sondern auch den späteren Bildungsstand. Verfügte mindestens ein Elternteil über einen Abschluss auf Tertiärstufe, erreichten auch die Kinder häufiger einen Tertiärabschluss. Umgekehrt blieben Kinder von Eltern ohne nachobligatorische Ausbildung selbst ebenfalls häufiger ohne Abschluss.
Personen mit Tertiärausbildung absolvieren öfters vom Arbeitgeber unterstützte Weiterbildungen
Die erwerbstätige Luzerner Bevölkerung mit einem Bildungsabschluss auf Tertiärstufe profitierte häufiger von Arbeitgeberunterstützung bei der Weiterbildung als diejenigen mit einem Abschluss auf Sekundarstufe II. Gleichzeitig haben ersterer auch öfters mindestens einen Weiterbildungskurs ohne Arbeitgeberunterstützung besucht als Personen mit einem Abschluss auf Sekundarstufe II.
Methode und Literatur
Datenbasis
- Bundesamt für Statistik: Mikrozensus Aus- und Weiterbildung
- Bundesamt für Statistik: Längsschnittanalysen im Bildungsbereich
- Bundesamt für Statistik: Strukturerhebung
Methodische Anmerkungen
Übertritt auf die Sekundarstufe I
Im Kanton Luzern besuchen rund 40 Prozent der Lernenden der Sekundarschule das integrierte Modell der Sekundarschule. Der Anteil der Lernenden in der integrierten Sekundarschule hat in den letzten Jahren stetig zugenommen. Beim integrierten Modell sind keine Angaben zum besuchten Sekundarschulniveau bekannt. Für die statistische Analyse bedeutet das, dass lediglich unterschieden werden kann, ob ein Übertritt ins Gymnasium oder in die Sekundarschule erfolgt.
Für die Analyse der Übertritte in die Sekundarstufe I werden Daten der Längsschnittanalysen im Bildungsbereich des Bundesamts für Statistik verwendet (Datenstand 2.12.2025). Die Längsschnittanalysen ermöglichen eine differenzierte Analyse der Übertritte, z.B. nach Geschlecht, Erstsprache und Geburtsland der Lernenden sowie dem Bildungsniveau deren Eltern. Die Daten der Längsschnittanalysen liegen nicht für die gleichen Datenjahren vor wie für die Daten der Statistik der Lernenden, die in anderen LUSTAT-Analysen wie z.B. dem Bildungsbericht oder dem Bildungsindikator zu den Übertritten in die Sekundarstufe I verwendet werden.
Erstabschlüsse auf Sekundarstufe II
Die Erstabschlüsse auf Sekundarstufe II werden anhand der Längsschnittanalysen im Bildungsbereich des Bundesamts für Statistik ausgewertet (Datenstand: 5.01.2026). Dabei wird untersucht, ob die Luzerner Lernenden einer bestimmten Kohorte zehn Jahre nach Abschluss der obligatorischen Schule eine Ausbildung auf der Sekundarstufe II abgeschlossen haben und welche Art von Abschluss sie erzielt haben. Für die Auswertungen werden die im Kanton Luzern wohnhaften Lernenden betrachtet, die in den Jahren 2012 bis 2014 die obligatorische Schule beendet und auf Sekundarstufe I kein ausländisches Schulprogramm besucht hatten. Personen, die nach Abschluss der obligatorischen Schule die Schweiz verliessen, werden in der Analyse mitberücksichtigt. In der betrachteten Kohorte verliessen 0,6 Prozent der Lernenden nach Abschluss der obligatorischen Schulzeit die Schweiz, ohne dass sie vorher einen Abschluss auf Sekundarstufe II erlangt hatten. Die Auswertung basiert auf einer Vollerhebung über 13'992 Lernenden.
Um eine Analyse nach familiärer Herkunft (Bildungsstand der Eltern) vornehmen zu können, hat das BFS die Längsschnittdaten mit ausgewählten Ergebnissen der Strukturerhebung ergänzt. Die entsprechenden Auswertungen basieren in der Folge auf einer Stichprobe von 2'553 Lernenden. Ergebnisse von Stichprobendaten unterliegen Unsicherheiten. Diese sind in den Grafiken mittels Abbildung der Vertrauensintervalle gekennzeichnet.
Bildungsstand
Der Bildungsstand wird anhand von Daten der Strukturerhebung und des Mikrozensus Aus- und Weiterbildung (MZB) des Bundesamts für Statistik ausgewertet. Analysiert werden die Antworten der Personen im Alter von 25 bis 64 Jahren. Die Strukturerhebung basiert auf einer Stichprobe; pro Jahr liegen für den Kanton Luzern jeweils zwischen 12'000 bis 14'000 Antworten vor. Um den Bildungsstand nach Alter, Geschlecht, Sprache und Geburtsort analysieren zu können, werden jeweils die drei aktuellsten Datenjahre verwendet (2021 bis 2023). Damit liegen für die einzelnen betrachteten Bevölkerungsgruppen genügend Fälle vor.
Für die Auswertung nach dem Bildungsstand der Eltern wird der MZB verwendet. Diese Stichprobenerhebung wird alle fünf Jahre durchgeführt. Die aktuellste Erhebung datiert aus dem Jahr 2021. Für die Gruppe der 25- bis 64-Jährigen aus dem Kanton Luzern liegen 991 Antworten vor.
Weiterbildung
Der Besuch von Weiterbildungsveranstaltungen wird anhand der Ergebnisse des MZB analysiert. Für das Erhebungsjahr 2021 haben 881 im Kanton Luzern wohnhafte Erwerbstätige Fragen zu berufsbegleitenden Weiterbildungsveranstaltungen beantwortet. Weiterbildungen gewinnen in der Regel nach Abschluss einer formalen Ausbildung an Bedeutung. Die Ausführungen zum Thema Weiterbildung stützen sich deshalb auf die erwerbstätige Bevölkerung im Alter von 25 bis 64 Jahren. In diesem Alter hat ein grosser Teil der Bevölkerung eine formale Ausbildung abgeschlossen.
Es wird untersucht, welcher Anteil der erwerbstätigen Bevölkerung in den letzten 12 Monaten mindestens eine oder mehrere beruflich orientierte Weiterbildung besucht hat und ob auf eine Unterstützung durch den Arbeitgeber zurückgegriffen werden konnte. Wird eine Weiterbildung vom Arbeitgeber unterstützt, geschieht dies in der Regel in Form von zur Verfügung gestellter Arbeitszeit und/oder durch eine Beteiligung an den Kosten. Dabei war es möglich, dass die Befragten im selben Zeitraum mehrere Weiterbildungen besucht haben und z.B. mindestens für eine Weiterbildung die Unterstützung des Arbeitgebers erhalten haben und für eine andere Weiterbildung nicht.
Literatur
- Becker, Rolf; Jürg Schoch (2018): Soziale Selektivität. Empfehlungen des Schweizerischen Wissenschaftsrates SWR. Expertenbericht. Schweizerischer Wissenschaftsrat (SWR). Bern.
- Bundesamt für Statistik (2025): Erwerb eines Abschlusses nach dem sozioökonomischen Hintergrund der Jugendlichen. Längsschnittanalysen im Bildungsbereich. Neuchâtel.
- Eberle, Franz (2025): Chancengerechtigkeit in der Bildung: Befunde und Handlungsbedarf. In: Caritas (Hrsg.): Sozialalmanach 2025. Luzern, S. 87–102.
- Eidgenössische Kommission für Frauenfragen (o.J.): Kultur, Bildung, Wissenschaft. URL: https://www.ekf.admin.ch/ekf/de/home/themen/wirtschaftliche--soziale-und-kulturelle-rechte/kultur--bildung--wissenschaft.html (aufgerufen September 2025)
- Erzinger, Andrea B. et al. (2023): Pisa 2022. Die Schweiz im Fokus. Bern.
- Felouzis, Georges (2020): Ungleichheiten im Bildungsbereich. In: Bonvin Jean-Micher et al. (Hrsg.): Wörterbuch der Schweizer Sozialpolitik. Zürich und Genf, S. 107–110.
- Fibbi, Rosita (2020): Migration und Bildung. In: Bonvin Jean-Micher et al. (Hrsg.): Wörterbuch der Schweizer Sozialpolitik. Zürich und Genf, S. 324–326.
- Hupka-Brunner, Sandra; Thomas Meyer (2021): Effekte von (bildungs-)institutionellen Rahmenbedingungen und familiären sowie individuellen Ressourcen im Jugendalter auf den weiteren schulischen und beruflichen Lebensverlauf. In: Zeitschrift für Pädagogik (5/2021). Weinheim, S. 703–720.
- Joris, Elisabeth (2024): Frauenbewegung. In: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS) (aufgerufen September 2025)
- Kraus, Katrin (2020): Weiterbildung. In: Bonvin Jean-Micher et al. (Hrsg.): Wörterbuch der Schweizer Sozialpolitik. Zürich und Genf, S. 358–360.
- Kriesi, Irene; Regula Julia Leemann (2020): Tertiarisierungsdruck – Herausforderungen für das Bildungssystem, den Arbeitsmarkt und das Individuum. Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (Swiss Academies Communications) (Hrsg.). Bern.
- LUSTAT (2024): Bildungsbericht Kanton Luzern 2024. Luzern.
- Schweizerische Koordinationsstelle für Bildungsforschung (2023): Bildungsbericht Schweiz 2023. Aarau.
LUSTAT Statistik Luzern / 20. Februar 2026 / Autorin: Andrea Oppliger